Katie von Christine Wunnicke

Katie von Christine Wunnicke

Es ist geschafft! – Ich habe mein erstes Buch der Longlist des deutschen Buchpreises gelesen. Katie hatte meine Aufmerksamkeit erregt, weil es auf einer wahren Begebenheit beruht und ein bisschen Wissenschaftskritik, sowie Übernatürliches enthält.

Der Inhalt in einem Satz: Das junge Mädchen Florence Cook hat übernatürliche, mediale Fähigkeiten und wird von Dr. Crookes eingehend studiert, der sicherstellen möchte, dass die Bürger von Hackney nicht Opfer einer List geworden sind.

In ihrem Buch nimmt Christine Wunnicke die Lebensgeschichten von vierzehn Personen und entwirft eine Geschichte um sie herum, wie sie absolut realistisch, ansprechend, humorvoll, aber auch provozierend und abstoßend ist.

Zum Aufbau ist zu sagen, dass es sich insgesamt eher um eine kurze Geschichte handelt. Auf meinem E-Reader hat sie 136 Seiten und es hat sich auch dementsprechend schnell durchlesen lassen. Wunnicke nutzt wechselnde Perspektiven, um verschiedene Sichtweisen und Handlungsstränge darzustellen. Florence Sichtweise ist eher kindlich und unschuldig, auch wenn sie längst nicht so unschuldig ist, wie sie tut. Mit Dr. Crookes erlebt man eine sehr wissenschaftliche Sicht und seine unstillbare Neugierde sowie der Drang, den medialen Fähigkeiten auf den Grund zu gehen, koste es was es wolle.

Einen Aspekt den ich unheimlich faszinierend finde, ist die Darstellung der Wissenschaft im Buch.

Seit Jahren schnaufte die Aspiratorpumpe, seit Jahren jagte Crookes den Induktionsfunken durchs Vakuum und noch immer war ihm kein vierter Aggregatzustand vor Augen getreten und noch immer wusste er nicht, was dies war oder wäre, wenn es denn wäre; und warum es so wichtig war (Wunnicke 39)

Crookes ist ganz verzweifelt auf der Suche nach dem vierten Aggregatzustand. Mit seinem Assistenten Pratt experimentiert und probiert er, aber es kommt einfach nichts dabei heraus. Für mich als absoluter Laie auf dem Gebiet der Wissenschaft war der wissenschaftliche Hintergrund der Experimente meistens ein echtes Rätsel. Das ist aber sehr schade, denn dabei geht viel des Humors verloren, der das Buch ausmacht. Ich habe mir damit beholfen, ein bisschen bei Wikipedia nachzulesen, zu Crookes, zu Florence und zu den einzelnen Experimenten, dass war sehr aufschlussreich und hat das Buch gut ergänzt.

Neben tatsächlichen wissenschaftlichen Entdeckungen beschäftigt sich Wunnicke in ihrem Buch auch mit der Legitimation der Wissenschaft und mit der Frage, wo Wissenschaft aufhört und Hokuspokus anfängt. Aus heutiger Sicht ist es schon fast unglaublich, dass ein zu seiner Zeit sehr angesehener Wissenschaftler einem Betrug eines jungen, kränkelnden Mädchens unterliegt. Crookes ist da sehr selbstkritisch. Es ist ihm wichtig, sich nicht lächerlich zu machen, aber zuweilen hinterfragt er den Sinn der Wissenschaft und damit auch seiner Existenz.

Davon verstand er nichts. Er merkte, wie Philosophisches ihn ankam, was zuweilen geschah, wenn er von einer Disziplin nichts verstand. Auch im Chemischen und Physikalischen kam ihn immer öfter Philosophisches an. Das beunruhigte ihn (43)

Neben Crookes spielt Florence natürlich eine ganz entscheidende Rolle im Roman. Mir war sie von Beginn an unsympathisch. Ein merkwürdiges, krankes Mädchen, die zu allen unfreundlich ist und sich in ihrer Freizeit gerne seltsam unnatürlich verbiegt – das hat nicht gerade Sympathiepunkte gebracht. Aber die möchte Wunnicke bei den Lesern auch gar nicht sammeln. Vielmehr erhält sie darüber die Spannung im Buch aufrecht. Natürlich weiß man als Leser, dass sie unmöglich mediale Fähigkeiten haben kann. Dennoch sind die Szenen in denen sie mit der von ihr heraufbeschworenen Erscheinung „Katie“ spricht spannend und haben mich in ihren Bann gezogen.

Es geht auch nicht darum, dass im Roman eine spannende Geschichte erzählt wird, in der die Leser auf das Ende hinfiebern. Stattdessen versetzt Wunnicke uns in eine andere Zeit  und in andere Lebensumstände, in der ein Medium ein tatsächliches Objekt wissenschaftlichen Interesses war.

Für mich ist dieses Buch sehr gelungen. Ich habe es mit einem lächeln auf den Lippen gelesen, die Geschichte hat mich abgeholt und mitgenommen in eine andere Zeit. Die Art, wie Wissenschaft mit Übernatürlichem verbunden wird und wie dabei trotzdem der Realitätsbezug zu den tatsächlichen Ereignissen gewahrt wird hat mir sehr gut gefallen.

Ich finde es hätte einen Buchpreis verdient. Wenn ich allerdings tippen müsste, denke ich nicht, dass „Katie“ das Rennen machen wird.

Wenn ihr wissen wollt, welche Bücher der Longlist mir noch zusagen, geht es hier lang 😉

2 thoughts on “Katie von Christine Wunnicke

  1. Danke für die Vorstellung. 🙂

    Das ist die erste Rezension die ich von Dir lese. Mir gefällt die Idee des Inhalts in einem Satz richtig gut! Aber irgendwie hat mir dann im Weiteren ein bisschen der Kontext gefehlt, um Deine Gedanken nachvollziehen zu können. Vielleicht hättest Du ein paar von Deinen Wikipedia Erkenntnissen mit uns teilen können?

    Ohne das Buch zu kennen hätte ich jetzt angenommen, dass das mit dem vierten Aggregatzustand eine Satire der Wissenschaft sein soll. Also: Er sucht nach etwas, dass es von Vornherein nicht gibt, natürlich kommt bei falscher Prämisse nichts dabei heraus. Als würde sich jemand vornehmen zu ergründen, warum der Himmel gelb ist.

    Und was ist denn nun eigentlich das, womit das Mädchen die anderen zum Narren hält? Du hast Dich wohl entschieden, dass das bei dem kurzen Buch zu viel verraten würde?

    1. Hallo Andrea,
      Danke für deinen Kommentar und das gute Feedback. Ich habe mich mit der Rezension echt etwas schwer getan…
      Tatsächlich ist es so, dass Crookes auf der Suche nach dem nicht Existenten ist und das Buch satirische Züge hat. Zum Beispiel schreibt er Gutachten, in denen er bescheinigt, dass ein Medium reale Kräfte besitzt. Das alleine ist ja aus heutiger Sicht schon pure Komik.
      Im Buch wird der Betrug durch Florence gar nicht direkt entlarvt, zumindest habe ich es so nicht verstanden. Aber ich habe bei Wikipedia über Florence Cook, beziehungsweise Katie King, wie sie ihre Erscheinung nannte nachgelesen und das war ganz interessant. Im Endeffekt war sie einfach eine Entfesselungskünstlerin, die den ein oder anderen Gehilfen nutze, um die Leute zu täuschen. Für mich ist es kaum vorstellbar, dass so etwas einen echten Skandal auslöst, noch dazu in der Welt der Wissenschaft.
      Liebe Grüße 🙂

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