Gendering – nimm dein Geschlecht aus der Sprache!

Gendering – nimm dein Geschlecht aus der Sprache!

Liebe Leserinnen und Leser,

Seit vier Jahren gehe ich zur Uni und ich studiere eigentlich gerne. Dennoch treibt mich die Uni manchmal zur Weißglut. Die anderen Studenten … nein Studierenden und ich müssen manchmal echt viel mitmachen. Man kann also sagen: als Student hat man es nicht leicht. Als Studentin allerdings auch nicht. Als Studentin oder Student hat man es nicht leicht. Oder doch lieber: Als Student/in hat man es nicht leicht ?

Wenn ihr jetzt ein bisschen verwirrt seid, dann willkommen in meiner Welt. Die Uni hat mich für Geschlecht in Sprache sensibel werden lassen und jetzt werde ich das nicht mehr los. Deswegen habe ich vor, das Thema hier mal ein bisschen aufzubereiten. Zum einen damit ich Klarheit bekomme, aber zum anderen auch für euch, wenn ihr deswegen manchmal auch so verwirrt seid wie ich, oder um euch darauf aufmerksam zu machen, wenn euch das bisher noch nicht so beschäftigt hat.

Ich entschuldige mich schon mal im Vorfeld für die furchtbaren Beispielsätze, bei so was bin ich echt kreativ wie ’ne Pflaume.

Die Problematik

An der Uni begegnen mir viele, die das Thema « Gendering » als Feministenproblem verschreien, die die Augen rollen und die Meinung vertreten, dass es doch gar keine Rolle spielt, ob man jetzt « Studenten » oder « Studierende » sagt und dass sich bei dem Wort « Leser » doch Männer und Frauen gleichermaßen angesprochen fühlen. Ich bin keine bekennende Feministin und ich bin nicht dafür, dass wir Geschlechter abschaffen und plötzlich alle ein und dieselbe Toilette benutzen, damit sich niemand diskriminiert fühlt. Trotzdem komme ich manchmal in die Situation, in der mir unsere Sprache nicht ausreicht, in der ich mich nicht auf ein Geschlecht festlegen will. Aber die deutsche Sprache zwingt einen dazu (Ironie beabsichtigt 😉

Ein Beispiel : Die Anzahl meiner Blogfollower ist überschaubar und es sind soweit ich das sehe alles Frauen. Sicher nicht überraschend, denn Statistiken belegen, dass es mehr Leserinnen gibt als Leser, also herrscht buchtechnisch bei Frauen einfach ein größeres Interesse (http://www.berliner-zeitung.de/frauen-kaufen-und-lesen-mehr-buecher-als-maenner-5472510). Aber heißt das jetzt, dass ich, wenn ich meine Blogfollower direkt anschreibe, « Liebe Leserinnen » schreiben sollte ? Wohl eher nicht, denn kaum ein Mann würde sich durch diese Anrede angesprochen fühlen, wenn er doch über meinen Blog stolpert. Und so kommt es eben vor, dass ich mich manchmal durch die männliche Form nicht angesprochen fühle. Zum Beispiel, wenn ich eine E-Mail bekomme, in der « Sehr geehrter Kunde » steht.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, was denn die Alternative ist. Bei meiner Bloganrede ist das Problem ja verhältnismäßig klein, dann schreibe ich eben beides, der Aufwand ist gering und wenn sich dann doch mal ein Mann auf meinen Blog verirrt, wird er wenigstens von der Anrede angesprochen. Schwieriger ist es bei folgendem Beispiel : Ich freue mich über jede Leserin und jeden Leser. Klingt irgendwie unschön und kompliziert. Wie es anders geht, zeige ich euch jetzt.

Wie ist es richtig ?

Ich fürchte eine Patentlösung gibt es hier nicht. Aber ich werde ein paar Möglichkeiten beleuchten. Letztendlich hängt es von der Situation und dem Anlass ab, welche Schreibweise am besten passt.

Im Groben kann man zwei Wege unterscheiden, die beide zu einer geschlechtergerechten Sprache führen. Die erste Möglichkeit ist die Sichtbarmachung des Geschlechts, indem man beide Geschlechter einbindet. So wie oben mit « Leserinnen und Leser ». Das ist der einfachste Weg, das Problem zu umgehen, aber gleichzeitig entstehen dadurch auch Sätze, die kein Mensch gerne lesen will und wenn man zum 99.Mal in der Hausarbeit « Schülerinnen und Schüler » schreibt, beschleicht den Korrektor auch langsam das Gefühl, dass man nur die Zeichenzahl erhöhen möchte (nebenbei bemerkt tatsächlich eine gute Möglichkeit dazu :D)

Die Alternative hierzu ist die Neutralisierung des Geschlechts. Klingt nach einem krassen Vorgang der Eliminierung, ist aber eigentlich ganz einfach. Aus den « Schülerinnen und Schülern » werden plötzlich die Lernenden, aus den « Lehrerinnen und Lehrern » die « Lehrenden » und aus den « Leserinnen und Lesern » die … Lesenden ? Haut mich jetzt nicht vom Hocker. Die Neutralisierung hat so ihre Grenzen und erfordert manchmal auch ein hohes Maß an sprachlicher Kreativität.

Verrückte und meiner Meinung nach fragwürdige Möglichkeiten habe ich auch im Internet entdeckt und die möchte ich euch keinesfalls vorenthalten.

X-Form

Wer jetzt an die X-Men denkt…knapp vorbei, aber diese Form kann sich nur ein großes Genie an der Uni ausgedacht haben. „An der Uni trifft man viele Studierx und Professx.“ Ja, das ist ein ernsthafter Vorschlag… Versucht das mal laut vorzulesen. Das ist quasi unmöglich. Und es sieht auch noch scheiße aus.

Hyperparallelisierung 

Das erinnert mich jetzt eher an eine Pokemon-Attacke: „STUDIERX … HYPERPARALLELISIERUNG!“ *Krawummmm*

Tatsächlich ist damit aber bloß gemeint, dass man Wörter, in denen das Wort „mann“ oder „man“ vorkommen durch Frau austauscht. „Jedefrau und jedermann sind eingeladen meinen Blog zu lesen.“ Also das sieht merkwürdig aus und hört sich merkwürdig an. Noch schlimmer finde ich aber „Jefraud hat meinen Pudding gegessen“. Falls es nicht ersichtlich ist: „Jefraud“ ersetzt das Wort „Jemand“ … Wenn das schon mal irgendjefraud benutzt oder gelesen hat, bitte schreibt mir einen Kommentar! Wenn ich das bei Google suche finde ich nur seltsame LinkedIn und Facebook Profile.

Die Passivform

Ich gebe zu, die Nutzung des Passivs kann ein guter Weg sein, um das Problem zu umgehen. Allerdings ist es in viel zu vielen Situation gar nicht praktisch anwendbar. „Jemand/ Er / Sie hatte die Bewerbung ausgefüllt“ kann man durchaus in „Die Bewerbung wurde ausgefüllt“ abändern. Aber „Jemand hat den Post kommentiert“ in „Der Post wurde kommentiert“ umzuändern, klingt nicht sehr ansprechend. Wo es passt, ist es sicher gut einsetzbar, an vielen Stellen leider eher nicht.

Wonach kann man sich richten?

Es gibt zwar keine Patentlösung und es gibt einige echt mittelmäßige Lösungen, aber mensch wird natürlich nicht ganz im Stich gelassen. Und wer wäre besser geeignet, uns mit der deutschen Sprache weiterzuhelfen als der Duden?!

Der Duden schlägt die Sichtbarmachung als Richtmaß vor. Allerdings nicht ausgeschrieben: „Leserinnen und Leser“ sondern in folgender Form: „Leser/-innen“ oder „Leser(innen). Wobei ich die erste Variante bevorzuge, denn sind wir mal ehrlich, Klammern sind doch nur dazu da, um überlesen zu werden.

Alles klar?!?

Das wird wohl nicht mehr mein Lieblingsthema, aber immerhin hat es mich auch ein wenig erheitert. Und ich bin noch nicht fertig damit: Im zweiten Teil werde ich mal schauen, wie „Gendering“ in anderen Sprachen betrachtet wird (Link folgt, wenn es so weit ist).

Liebe Grüße 

Lisx

 



2 thoughts on “Gendering – nimm dein Geschlecht aus der Sprache!”

  • Also ich persönlich störe mich kein bisschen daran, wenn ich nur „Liebe Leser“ lese. Ich weiß, dass damit auch Leserinnen gemeint sind. Und jeder normale Mensch sieht das doch wohl auch so, oder? Mich nervt dieses Thema inzwischen nur noch. Das ist eben einfach unsere Sprache. Aber inzwischen muss man ja dann trotzdem vorsichtig sein, weil andere dass natürlich wieder falsch verstehen könnten.
    Habe das jetzt schon ein paar mal mit Freundinnen diskutiert und die sehen das genauso: Da war mal wieder jemandem langweilig.

    Ich hoffe du verstehst das nicht falsch oder nimmst das böse entgegen, denn so war das gar nicht gemeint 😀 Ich finde übrigens die beste Lösung, abgesehen davon, dass man einfach beim alten bleibt, die Version : Liebe Leser und Leserinnen. Das ist irgendwie am normalsten und natürlichsten.

    Liebe Grüße,
    Pia!

    • Hallo Pia,
      danke für deinen Kommentar. Ich nehme das ganz und gar nicht böse entgegen! Ich kann deine Sichtweise voll verstehen und dass es nervt erst recht, zumindest bei uns an der Uni wird es viiiiel zu häufig diskutiert. Da ist es ja klar, dass das uns Studis zu den Ohren herauskommt.

      Trotzdem hatte ich Spaß dabei, mich selbst damit auseinanderzusetzen und ein bisschen zu recherchieren, aber für den Blog ist es echt nicht so relevant. Schließlich teilt die Mehrheit da die Ansicht, dass man sich von eine männlichen Anrede auch als Frau angesprochen fühlt, zumindest stelle ich es mir so vor…nachgeforscht habe ich was das angeht nicht.

      Und ich bin ganz deiner Meinung, wenn man nach einer Lösung sucht, dann ist „Liebe Leserinnen und Leser“ wohl das beste.

      Liebe Grüße
      Lisa

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